Mittwoch, 6. März 2019
Der blaue Turban


Sollte sie richtig satte, irischrote Haare haben, wäre sie fällig. Oder wenigstens so helle rotblonde, erdbeerblond nannte man das wohl. Bei dem Gedanken an langes, seidiges Haar, das sich auf ihren Rücken ergießen könnte, sobald sie den blauen Turban abnahm, spürte er wie sich endlich einmal wieder etwas regte in seinem Schritt.

Es war lange her, dass ihn eines der Mädchen erregt hatte, die er jahrelang in der Grundschule gegenüber unauffällig beobachten konnte. Als Hausmeister war das ein Schlaraffenland für ihn gewesen. Nun hatten die Vollidioten von der Stadtverwaltung das schöne klassizistische Gebäude in eine Wohnanlage verwandelt. Er hatte sie dafür gehasst. Seinen Job hatte verloren. Aber schlimmer noch war die Leere, die durch das Ausbleiben der kleinen Mädchen entstanden war. Sein Lebensglück - die kleinen Dinger, von denen er jeden Vormittag auf dem Pausenhof, in den Klassenzimmern, aber vor allem im Milchkeller umgeben war.
Vor allem die Rothaarigen, die hatten es ihm ganz besonders angetan. Bei denen musste er immer hart schlucken und sich zusammenreißen, um auf den richtigen Moment zu warten. Dieses kühle, weiche Gefühl auf seinem nackten Bauch. Der Griff in den dichten Hinterkopf, auf dem golden das Kellerlicht reflektierte …

Und nun dieser blaue Turban gegenüber. Sein Fernglas zeigte ihm schwimmbadblauen Frottee, eine blasse sommergesprosste Haut. Ein Haaransatz war nie zu erkennen. Er sah nun schon seit 12 Tagen hinüber. Seit sie in die Wohnung gezogen war, stand sie jeden Morgen mit ihrem Turban und einer Tasse in den Händen auf dem Balkon. Vorgestern hatte er sich beim Hausverwalter gemeldet und seine Dienste als Hausmeister erneut angeboten. Er musste irgendwie eine Legimitation für die Tiefgarage bekommen. Die Stellplätze waren sofort alle für enorme Summen vermietet worden. Das kam für ihn mit dem bisschen „Stütze“ nicht in Frage. Also wieder der graue Kittel. Besser ging es nicht. In dem war er für die Bewohner solange unsichtbar, bis sie sich über irgendetwas beschweren wollten. Ansonsten existierte er nicht für die feinen Herrschaften.
Der blaue Turban hatte Stellplatz Nummer 32. Das hatte er schon rausgefunden, als er sich einen halben Tag vor dem Tor herum gedrückt hatte. Flink wie ein Wiesel hatte er sich im Schatten der Einfahrt schnell unter dem zurollenden Tor durchgedrückt. Niemand hatte ihn bemerkt. In aller Ruhe hatte er sich das ganze Untergeschoss ansehen können- das Parkdeck, Fahrradkeller, Waschküchen. Alles war noch im Rohzustand, staubig und nur provisorisch beleuchtet. Im Fahrradkeller hingen bis jetzt nur die rohen Stromleitungen von der Decke. Etwas diffuses Licht schien durch das dreckige Kellerfenster. In der Ecke war noch ein Kabuff abgeteilt, hier stapelten sich benutzte Malervliese. Perfekt, hier würde er es machen.
Nachdem er gehört hatte wie eine Autotür ins Schloss geschnappt war und sich klackernde Schritte hastig in Richtung Treppenhaus entfernten, linste er schnell um die Ecke. Er sah, dass ihr Auto auch badezimmerblau war. Die tickte nicht richtig, die Tante. So viel Kohle, um sich hier eine Wohnung zu leisten und dann so einen grottenschlechten Geschmack.

Er erinnerte sich an die Kleine mit dem Schwammkopftornister. Sie war die zweite, bei der er sich nicht hatte beherrschen können. Sie war die einzige, die sie bis jetzt nicht gefunden hatten. Stimmt, die war ihm auch aufgefallen, weil ihr Ranzen so quietscheblau war. Nicht rosa oder pink, wie bei allen anderen Mädchen. Anscheinend fixte ihn die Farbe blau an. Die roten Haare waren gar nicht die Initialzündung. Super Selbstreflexion- er musste in sich hinein grinsen. Seine Selbsthilfegruppe mit den ganzen kranken, perversen Spackos wäre beeindruckt gewesen.
Aber tatsächlich, wenn er mal alle Mädchen Revue passieren ließ, die ihm Vergnügen bereiten mussten, dann waren da auch brünette, blonde und schwarzhaarige dabei gewesen. Sogar eine kleine Türkenmaus, oder anderer Kanaken Brut. Die Fatimahand an ihrer Halskette, war ihm aufgefallen. In der Mitte der Handfläche ein kobaltblaues Auge. Das dritte Auge, brrr, wie gruselig. Das hatte ihn gereizt. Er hatte das Gefühl, als stiere dieses blaue Auge ihm unablässig nach. Er hatte sich von ihrem dritten Auge eindeutig beobachtet und provoziert gefühlt. Als hätte sie etwas Böses. Nun, letztendlich hatte sie ihm auch tatsächlich heftig in den Schwanz gebissen, mit ihren kleinen scharfen Milchzähnen. Na ja, die biss nie wieder jemanden …
Die Allererste, das wusste er noch genau, hatte ihn mit ihren blau getünchten Augendeckeln betört. Im vierten Schuljahr, das muss man sich mal vorstellen. Was denken die Eltern sich denn auch dabei, ihre Kinder so loszuschicken. Selber Schuld. Diese nuttige Farbe des Lidschattens kannte er. Seine Mutter hatte genau den gleichen aufgelegt als er noch sehr klein war. Immer, wenn sie ihn abends alleine ließ, um in den Bars der Stadt nach potentiellen Stechern Ausschau zu halten, pinselte sie sich die Visage mit dem billigsten, grellsten Make-up zu. Wahrscheinlich auch besser so- die Hübscheste war sie nämlich nie gewesen, das hellste Licht am Christbaum leider auch nicht.
Die beiden Müllsäcke, in denen er die Kleine entsorgt hatte, hatten witzigerweise den gleichen Blauton, wie der Lidschatten. Wie passend, mülltütenblau. Er musste jetzt noch kichern, wenn er an den Moment dachte, als es ihm auffiel.

Für erwachsene Frauen hatte er sich nie erwärmen können. Zu anstrengend, zu riskant, wahrscheinlich auch zu viel Gegenwehr. Aber so kleine zierliche, oft eben rothaarige Frauen, die hatten schon noch etwas Mädchenhaftes, dass ihn anmachte. Und eigentlich ging es ihm ja vor allem um die Haare selbst. Um die Struktur. Lange Haare am liebsten, wenigstens schulterlang. Haare, die sich anfühlten wie das Fell eines Cockerspaniels oder Angorakaninchens. Eine Mähne, die sich auf seinem Unterbauch und Geschlecht ergoss, die weich und zärtlich war.

Er schloss einen Deal mit sich ab: sollte die Frau rothaarig sein- o. k.- er war ja auch nur ein Mann. Dann würde er sein Glück versuchen. Es wäre ja auch zu einfach bei ihr. Seit Tagen recherchierte er ihre immer gleichen Abläufe. Das morgendliche Ritual auf dem Balkon. Das Zurschaustellen ihres blauen Turbans in der aufgehenden Sonne, die Hände um den Kaffeebecher geschlungen.
Moment, er zoomte den Becher näher an sich heran. Blauweiß- Schalke 04, ha, wie lächerlich. Schon dafür alleine hätte sie Strafe verdient. Das würde ihm ja niemand glauben, wenn er es irgendjemandem erzählen würde. Aber das durfte er natürlich nicht.
Einmal hatte er versucht sich jemandem anzuvertrauen. Sie war in der Gruppe „Sucht“ gewesen, ein Raum weiter als seine Veranstaltungen. Dicke, krause Locken, ziemlich struppig. Nicht, wie er es gerne hatte. Sexuell regte sich da gar nichts bei ihm. Sie hätte schon gewollt. Die Signale waren eindeutig. Häufiges, unmotiviertes Berühren seines Arms beim Gespräch war noch das Harmloseste. Aber er wollte reden. Er hätte sich einmal im Leben jemanden gewünscht, der ihm zugehörte. Aber auch sie wollte nur ihren eigenen Senf loswerden, sich ausschließlich um ihr eigenes Universum kreisen. Eine Riesenenttäuschung war sie gewesen. Die letzte, dafür würde er sorgen.
Bis auf diesen Drang, diese unstillbare Unruhe, kam er nämlich sehr gut allein zurecht. Er von niemandem anhängig. Keiner konnte ihm mehr reinreden, wie seine Mutter, die Xanthippe. Das Weib hatte er auch gehasst. Ach, sie waren doch alle gleich. Der blaue Turban hatte sich auch schon mit den armen Handwerkern angelegt. Er hatte es mitgekriegt, als er die Klingelschilder am Haupteingang nach ihrem Namen überprüfte. Fast hätte er sich eingemischt, ihr seine Hilfe für die Kellerbeleuchtung angeboten. Aber im letzten Augenblick besann er sich und blieb in seiner Deckung. Niemand durfte ihn später mit ihr in Verbindung bringen. Das wäre fatal. Aber zickig war die kleine Hexe, als wäre sie der Mittelpunkt der Welt. Sie würde sich bestimmt wehren, kratzen, beißen. Hauptsache nicht schreien. Aber das zu verhindern, darin hatte er ja schon Erfahrung. Sofort was ins Maul schieben. Ganz weit, bis zum Rachen. Dann hatten sie erstmal genug damit zu tun zu atmen. Er freute sich schon auf das Geräusch. Das machte ihn fast genauso an, wie der Gedanke an die Haare. Das Röcheln und den damit verbundenen vermehrten Speichelfluss waren ziemlich geil.
Aber die Haare, immer wieder die Haare! Vielleicht waren sie ja so lang, dass er sie richtig um seinen Schwanz wickeln konnte. Oder um ihren eigenen Hals. Ja, das wäre krass. So lang waren die bei den kleinen Mädchen nie gewesen. Aber unter dem blauen Turban könnten sich schon eine Menge Haare verbergen. Warum sollte sie ihn sich sonst jeden Morgen umbinden, bevor sie auf den Balkon ging? Sie würde sich morgens unter der Dusche die Haare waschen und den Körper einseifen. Besonders an den Brüsten würde sie verweilen und natürlich bei ihrer Muschi. Seifen, seifen, seifen … bis alles schön glitschig war.

Schluss jetzt! Er musste aufhören zu träumen und in die Planungsphase gehen. Also übermorgen wäre ja das
Vorstellungsgespräch in der Wohnanlage. Unten im Büro, seiner ehemaligen Hausmeisterstube, sollte er klingeln. Entweder würde ihm jemand die Haustür öffnen, dann müsste er das demütigende Gespräch über sich ergehen lassen. Oder die Türöffneranlage funktionierte endlich. Dann könnte er einfach rein gehen und sich im Fahrradkeller verstecken, bis sie in die Tiefgarage gefahren kam. Und dann gab es unzählige Möglichkeiten. Er konnte sich kaum entscheiden wo und wie er es machen würde. Fast tat es ihm Leid, das er sie nur einmal benutzen konnte. Es war ja noch ein bisschen Zeit bis dahin, aber Vorfreude war ja bekanntlich die schönste Freude.
Heute würde er sie nicht mehr sehen, das wusste er. Ihren Zeitplan kannte er ja nun genau. Zwar hatte er seine Beobachtungszeiten auf ihren Aufenthalt in der Wohnung abgestimmt, aber wenn sie heute heim kam, war er beim Doc zur Spritze. Danach waren die Rollos runter. Pech gehabt.
Aber morgen. Morgen früh würde er sich schon ganz früh den Wecker stellen, sein Fernglas in Position bringen und jede Bewegung des blauen Turbans auf dem Balkon auskosten. Mit diesem erregenden Gedanken schlüpfte er unter seine warme Decke.

Guten Morgen! Was für ein wunderbarer Tag. Die Sonne lugte schon halb an der gegenüberliegenden Hauswand vorbei auf ihren Balkon. Noch war die Balkontür zu. Er hatte wundervoll geschlafen. Nachdem er sich noch richtig schön entspannt hatte, war er in einen aufregenden, heißen Traum hinüber geglitten. Er sah Münder, die sich zum stummen Schrei öffneten, nasse Augen, die sich röteten, blaue Flecken an Kehlen, aber vor allem Haare. Haare, die sich aus dem blauen Turban befreiten und in wallenden Kaskaden herab flossen. Haare, die sich schmeichelnd über sein Gesicht legten. Duftend, kühl und weich lagen sie wie Matten aus Seide unter ihm, während es ihn überkam.
Heute war es endlich so weit. Heute war der Tag, an dem sich sein Traum erfüllen würde. Sie hatte ihn lange genug gereizt, gefoppt, ja eigentlich betrogen um den fantastischen Anblick, den der blaue Turban verhinderte. Der Plan stand fest. Es konnte nichts mehr schief gehen. Er beglückwünschte sich für seine Entscheidung und seinen Mut. Ja, er war ein richtiger Mann. Entschlossen und entscheidungsstark setze er seine Pläne in die Tat um. Er war nämlich doch etwas Wert!
Da, nun ging es los. Die Vorhänge hinter der Balkontür bewegten sich. Sie öffnete die Tür und trat ans Geländer. Das grelle Blau des Turbans schien ihn zu verhöhnen.
Irgendetwas aber war anders als sonst! Ihr Bademantel, den sie sonst jeden Morgen trug, fehlte. Ja, tatsächlich, sie war schon angezogen. Sie hatte ein angeberisches Businesskostüm mit Blazer und Bleistiftrock an, diese arrogante Schlampe. Sie war auch schon geschminkt. Er erkannte mit dem Fernglas einen fiesen grellen Lippenstift. Na egal, den würde er ihr schon runterwischen. Sie schien es sehr eilig zu haben. Sie hatte keinen Kaffeebecher dabei. Nein, jetzt sah er, dass sie sogar ihre Aktentasche schon unter dem Arm hatte und aus ihr ein Handy zog. Mmh, Hauptsache, sie brachte den Zeitplan für ihr gemeinsames Tete à Tete heute Nachmittag nicht durcheinander, mit ihrem frühen Aufbruch. Denn heute war sie fällig, da gab es kein Zurück mehr. Heute würde er sie in der Tiefgarage abpassen, in das Kabuff des Fahrradkellers ziehen und sich über sie hermachen. Zuerst würde er sie an den Haaren packen, oh diese herrlichen, göttlichen Haare, der Schmuck der Frauen …

Moment, was war das? Sie legte kurz das Handy auf den Plastiktisch. Anscheinend gelang es ihr nicht, den Apparat zwischen Turban und Ohr zu schieben. Die beugte den Kopf vor, umfasste mit beiden Händen das blaue Frotteetuch, um es zu lösen. Sein Herz schlug wild und hart gegen Brust und Hals. Bei der Vorstellung, wie sie gleich ihr Haar befreite und endlich zu erkennen gab, was sich genau unter dem blauen Turban verbarg, spürte er auch ein pulsierendes Klopfen in seinem Gemächt. Gemächt, was für ein mächtiges Wort.
Jetzt. Jetzt war es gleich soweit. Was hoffte er? Rot, blond, Locken, glattes Haar? Ach, wenn er ehrlich war, war es ihm schon lange ganz egal. Die Farbe des fließenden Haarmantels würde er in dem finsteren Keller sowieso nicht erkennen können. Er wollte nur das geschmeidige Gefühl auf seiner nackten Haut.
Er tauschte das Fernrohr gegen seinen Fotoapparat aus, mit dem er auch diese Trophäe vor der Tat festhalten wollte. Vor Erregung und Ungeduld zitternd, verlor er ihr Bild einen Moment aus dem Zentrum der Linse.
Ruhig jetzt. Ganz ruhig und besonnen. Keinen Fehler machen. Er war nach so langer Zeit mal wieder am Ziel seiner Wünsche. Er hielt die Luft. Und genau in dem Augenblick, als er sie wieder voll zentriert betrachten konnte, schob sie mit Schwung den blauen Turban von ihrem Kopf.
Sie war kahl.

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gute story!

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