Mittwoch, 6. März 2019
SPRINT


Jetzt war es aber ganz deutlich zu hören. Sie war doch nicht meschugge. Da, schon wieder. Oh Gott, das durfte doch nicht wahr sein! Sie hatte extra so lange gewartet. Alle Parameter waren erfüllt gewesen: gründliche Recherche, perfektes Timing. Und trotzdem sollte das nicht gereicht haben?
Im Schutz der kleinen schattigen Nische, die der Vorsprung der rauen Betonwand bildete, machte sie kurz Pause um zu lauschen. Sie presste sich so flach es ging an die kalte Wand. Ihr Herz hämmerte. Durch tiefes Einatmen versuchte sie es zu beruhigen. Das Blut rauschte wie eine Wildwasserbahn in ihren Ohren. So laut, dass sie die feinen Geräusche der Umgebung gar nicht richtig hören konnte. Das durfte nicht sein. Das war fatal!
Ihr wurde schwindelig. Zu sehr konzentrierte sie sich darauf möglichst viel Luft in ihre Lungen zu saugen und anschließend, so langsam und leise es ging, wieder entweichen zu lassen. Die Umrisse der Feuerschutztür vor ihr verschwammen. Verdammt!
Wenn sie es doch nur schaffte, sie ohne quietschendes Geräusch in den Angeln zu öffnen und durch zu huschen. Dann hätte sie fast die Hälfte geschafft.
Oh nein! Jetzt sah sie von hinten den eindeutigen Schein der roten Ampelanlage, die aufleuchtete, sobald das Rolltor von außen geöffnet wurde. Es kam jemand. Ganz klar. Es war gleich jemand hier drin.
Zurück? Sollte sie schnell wieder in den halbdunklen Gang laufen, den sie gerade auf ihren leisen Sneakersohlen durchquert hatte? Mucksmäuschenstill und mit heißem Atem die ganze Strecke von vorne? Mist- mindestens sieben Minuten umsonst. Fünf Minuten davon fielen schon in die gefährlichste Zeit. Sie hatte es ganz genau ausgerechnet. Wieder und wieder. Sie hätte heulen können vor Wut und Enttäuschung. Aber vor allem Angst, diese luftabschnürende, schneidende allesumfassende Angst.
Also Flucht nach vorne. Schnell, bevor das Rolltor sich öffnete und jemand hereinfuhr.
Mist, ihr Anhänger am Schlüsselbund klackerte an die silberne Schnalle ihres Taschengurtes. Sie dämliche Kuh- blöd, blöd, blöd! Sie hatte sich schon vor Monaten extra angewöhnt die Tasche links und die Schlüssel in der rechten Hand zu halten. Damit sie ganz schnell aufschließen konnte aber eben auch, damit sie eben nicht durch das Geräusch auf sich aufmerksam machte. Sie dumme Kuh, unbelehrbar, unfähig, leichtsinnig. Sie hatte es ja gar nicht besser verdient, war selber schuld. Sie hätte kotzen können vor so viel Dummheit.
Ihre selbstzerfleischenden Vorwürfe und Schuldzuweisungen halfen nichts. Das wusste sie schon lange. Aber diese zweite, innere Stimme, die sie hörte, konnte sie nicht abstellen.
Sie musste trotzdem weiter. Der Rückweg war jetzt definitiv versperrt. Sie hatte zu lange gewartet. Nun hörte sie schon die schmatzenden Geräusche der Autoreifen und anschließend das ploppende Zuschlagen einer Autotür.
Sie hatte zu lange gezögert. Mal wieder unfähig, sich zu entscheiden, hatte sie vielleicht gleich einen hohen Preis für ihre Unschlüssigkeit zu zahlen. Aber sie war immer noch gelähmt vor Entsetzen. Sie hatte in ihrer detaillierten Planung jemanden außer Acht gelassen. Irgendeine Komponente hatte sie übersehen. Wie war das möglich? Dies hatte oberste Priorität gehabt. Seit Monaten beschäftigte sie sich kaum mit etwas anderem. Es war doch so wichtig für sie. So elementar für ihr Leben. Sie wollte nicht so weitermachen, sie konnte es nicht ertragen. Sollte ihr Plan versagen, konnte sie für nichts mehr garantieren. Sie würde das nicht länger aushalten, nicht ertragen. Ja, es war klar: sie würde so nicht mehr weiterleben wollen!
Bei der Erkenntnis, wie wahr ihre Gedanken, die sie das erste Mal so ehrlich zugelassen hatte, waren, drückten die Tränen in der Kehle und hinter den Augenlidern.
Warum? Warum, warum, warum war es so weit mit ihr gekommen? Eine Welle des Selbstmitleids drohte sie zu überschwemmen. Und wenn sie doch aufgab? Sich dem Lauf der Dinge hingab und auslieferte? Wäre das nicht einfacher? Sie hatte keine Kraft mehr …
Da, Schritte! Sie kamen immer näher. Waren schon fast vor der Eingangstür. Jetzt gab es nur noch eine Möglichkeit, sich zu retten: vorbei an den Waschküchen, die nächste Zwischentür sanft ins Schloss schnappen lassen, die Rampe hoch schleichen, ohne auf die scheppernde Metallschiene zu treten. Ja, das müsste klappen. Oh Gott sei Dank, noch vier, fünf Meter …
Auf einmal Stimmen. Stimmen von rechts. Mann? Frau? Ein Paar. Ihr wurde schlecht vom Schock. Das hatte sie nicht erwartet. Jetzt, an dieser Stelle nicht mehr. Ihre ganzen mühevollen Planungen- zunichte gemacht. Sollte es ihr nicht gelingen die Nebentür zu passieren, bevor sie ganz aufgezogen wurde, war sie verloren. Dann gab es keine Rettung mehr. Aus. Vorbei.
Zu ihrem Entsetzen sah sie jetzt, dass die Tür schon halb aufgeschoben worden war.
Der Rückweg aber auch versperrt. Dem Nachkommenden würde sie genau in die Arme laufen. Es gab keine Nische, keinen Raum, keinen abzweigenden Gang mehr dazwischen. Wie ein gehetztes Reh, ein getriebener Fuchs. Freiwild, das zum Vergnügen in die Enge getrieben wurde.
Sie musste zum Äußersten greifen. Es gab keine Alternative. Sie riss sich ein allerletztes Mal zusammen und betrat den Fahrstuhl. Todesmutig drückte sie den Knopf und das Gefährt setzte sich wackelig in Bewegung. Erleichterung? Nein, nicht in diesem stickigen Kasten. Die eine Hälfte der schummerigen Deckenspots war dunkel, die anderen flackerten lustlos.
Sie betrachtete sich in dem matten, fleckigen Wandspiegel und erschrak: die Augen dunkel vor Angst, die Wimperntusche verschmiert von den vergeblich zurückgedrängten Tränen. Ihre Haut glänzte ihr fettig und schwitzend entgegen. Sie lehnte ihre heiße Stirn gegen das Spiegelglas und gönnte sich eine kurze Atempause.
Normalerweise wäre sie für kein Geld der Welt in einen Aufzug gestiegen. Jedoch die Vorstellung, wer und was ihr im Treppenhaus alles begegnen konnte, ließen ihr keine Wahl. So empfand sie den engen, fast luftleeren Raum ausnahmsweise als schützenden Käfig.
Eine erneute Schrecksekunde als nach einem heftigen Ruck die Fahrstuhltür auf rumpelte. Würde jemand davorstehen? Was dann? Konnte sie die elektronische Tür so schnell wieder zu bekommen, dass es dem Wartenden nicht gelang zu ihr einzudringen? Oder gelänge es ihr sich mit Schwung an ihm vorbei zu drängeln. Ganz schnell, den Überraschungsmoment nutzen. Wäre es überhaupt überraschend oder wurde ihr schon aufgelauert? Na klar, sie musste damit rechnen.
Sie umfasse fest ihren Schlüsselbund und ließ nur den langen spitzen Wohnungsschlüssel wie ein kleines Messer heraus ragen. Fertig zum Einsatz. Sie würde keine Sekunde zögern und ihn sofort einsetzen. Ohne Skrupel, ohne Bedauern.
Oh bitte lieber Gott, bitte, bitte! Jetzt setze sie alles auf eine Karte. Sie quetschte sich, kaum, dass die Tür zu einem Drittel zur Seite geglitten war, heraus. Gebeugt, aber mit Schwung nach vorne drängend. Ohne nach links und rechts zu sehen stürmte sie zur gegenüberliegenden Tür, fummelte kopflos den Schlüssel ins Schloss, warf sich dagegen, torkelte in ihren Windfang und donnerte die Tür mit letzter Kraft von innen zu.

Gerettet! Wieder einmal hatte sie den Weg von der Tiefgarage in ihre Wohnung geschafft, ohne von einem ihrer nervigen Nachbarn angequatscht zu werden.

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