Donnerstag, 14. März 2019
STERBEHILFE: Darf mein Vater das von mir verlangen?


Barbara M.; (42):
Als mein Vater mit 74 Jahren unheilbar krank wurde, hatte er nur noch eine Bitte: ich sollte ihn in eine Sterbehilfe- Klinik in der Schweiz bringen. Dieser Wunsch stürzte mich in große Gewissenskonflikte. Die moralischen Bedenken meiner Freunde und der Widerstand meiner Mutter machten die Entscheidung noch schwieriger …
*
„Können Sie uns bitte ein aktuelles Foto Ihres Vaters faxen?“ Die Stimme des Polizeibeamten am Telefon war ruhig und sachlich. Dennoch durchfuhr mich ein eisiger Schreck. Mein Vater war bei einer Nacht- und Nebelaktion aus der Universitätsklinik entwichen. Das Pflegepersonal hatte rekonstruiert, dass er einen Schreibtischstuhl mit Rädern aus dem Arztzimmer entwendet hatte, um seine Reisetasche damit zu transportieren. Ein aufmerksamer Taxifahrer hatte dann der Polizei gemeldet, dass ein älterer Herr einen Bürostuhl mit Tasche Richtung Bahnhof schieben würde. Nun machten die Beamten sich auf die Suche und wollten mit Hilfe des Fotos auch die Bevölkerung aufrufen, nach meinem Vater Ausschau zu halten.
Für meine Mutter und mich war das Ganze ein Alptraum. Vor circa sechs Monaten hatte mein Vater die niederschmetternde Diagnose erhalten, dass er an der unheilbaren Krankheit ALS (Amyotrophische Lateralsklerose) litt. Bei dieser Erkrankung kam es zu Schädigungen der Nervenzellen, die für die Muskulatur verantwortlich waren. Und zwar unwiderruflich und unweigerlich zum Tode führend. Nachdem er seine Finger und Arme kaum noch bewegen konnte, war zuletzt auch die Mundmuskulatur befallen. Mein Vater war kaum noch in der Lage sich zu artikulieren. Für einen so stolzen und unabhängigen Mann wie ihn, sicher ein unerträglicher Zustand. Die Ärzte hatten ihm noch ungefähr ein bis eineinhalb Jahre gegeben. Allerdings war diese Krankheit noch wenig erforscht. Sie überwiesen meinen Vater also in die Uniklinik zu weiteren Tests und Untersuchungen. Ich hatte von Anfang an das deutliche Gefühl, dass mein Vater die ganzen medizinischen Behandlungen eher meiner Mutter zuliebe über sich ergehen ließ. Sie konnte das drohende Ende ihres geliebten Ehemannes nicht akzeptieren. Ständig kam sie mit neuen Erkenntnissen von ihrem Arzt oder Bekannten zurück und drängte ihn, noch dieses und jenes Medikament einzunehmen. Mein Vater machte alles geduldig mit. Aber wenn er mich anblickte, sah ich in seinen Augen, dass er sich innerlich mit dem Tod zu arrangieren begann. Ich hätte gerne mit ihm alles besprochen, wozu meine Mutter nicht in der Lage war. Allerdings wurde unsere Kommunikation immer schwieriger. Außer Nicken und Kopfschütteln war an schlechten Tagen nicht mehr viel möglich.
Eines Tages hatte ich eine Idee. Ich kaufte ein Kinderspielzeug, das aus Holzwürfeln bestand, die mit Buchstaben bedruckt waren. Damit konnte man Kleinkindern Buchstaben und Wörter beibringen. Es brach mir fast das Herz, meinem Vater so etwas zuzumuten. Er war immer so stolz auf seine Bildung gewesen und bis ins hohe Alter sehr belesen. Aber ich musste es wagen. Es war wichtig, dass mein Vater die Gelegenheit bekam seine Gedanken und Wünsche auszudrücken. Unter Tränen packte ich die Würfel aus und erklärte meinem Vater die Funktion.
„Wie kannst du es wagen, Papa so zu beschämen?“, brach es aus meiner Mutter heraus. Peinlich berührt wischte sie die Würfel vom Tisch. Mit roten Wangen und einem heißen Knoten im Magen begann ich die Buchstaben einzusammeln. Ich wagte es kaum meinen Vater anzusehen. Er war doch immer mein Held gewesen und nun war er nur noch ein Häufchen Elend. Ich wollte ihn ganz sicher nicht wie ein unmündiges Kind behandeln, aber was sollte ich tun? Da sah ich aus den Augenwinkeln, wie mein Vater nach einigen Würfeln griff. Mit viel Mühe, da die Muskeln seiner Finger sich ja auch schon zurück gebildet hatten, fing er an, Worte aus den Buchstaben zusammen zu legen.
`Feld bestellen`, stand dort. Ratlos sah ich meine Mutter an. Sie zuckte jedoch auch nur mit den Schultern und schüttelte den Kopf. Mein Vater war nie in der Landwirtschaft tätig gewesen, sondern als kaufmännischer Angestellter. Ich grübelte über den Sinn seiner Worte nach. Wenn ich ihn jetzt frustrieren würde, weil ich nicht verstand, was er mir sagen wollte, würde er die Würfel sicherlich nie wieder benutzen. Ich zermarterte mir den Kopf und stellte noch ein paar Fragen. Plötzlich fiel mir ein, dass mein Großvater den Ausdruck `sein Feld bestellen` verwendet hatte, im Sinne von `seine Dinge regeln`. Mit tränenerstickter Stimme fragte ich ihn:
„Willst du deine Dinge regeln? Papa, glaubst du, dass du bald stirbst?“ Es hatte mich ungeheure Überwindung gekostet, diese unfassbaren Worte deutlich auszusprechen. Aber war es nicht das, was meinem Vater jetzt als einziges in seiner Not helfen konnte. Jemand, der seine Ängste Ernst nahm und sich nicht scheute die schmerzhafte Wahrheit beim Namen zu nennen?
„Barbara! Was ist denn in dich gefahren?“, schrie meine Mutter auf. „Wie kannst du denn so etwas sagen?“ Beschwichtigend wandte sie sich meinem Vater zu:
„Das meint sie nicht so, Walter. Du weißt ja, was sie für ein loses Mundwerk hat. Sie hat nicht richtig nachgedacht, bevor sie geredet hat. Alles wird wieder gut ...“
Aber mein Vater hörte ihr gar nicht zu. Er umfasste meine Hand mit seinen dünn gewordenen Fingern und nickte mit dem Kopf. „Will sterben“, artikulierte er mühevoll.

Die Situation überforderte mich. Im Nachhinein glaube ich, das war auch der Grund, warum ich ein paar Tage den Kontakt zu meinen Eltern vermied und Arbeit vorschützte. Ich war ja keine professionelle Sterbebegleiterin. Wie sollte ich denn mit meinem eigenen Kummer umgehen und gleichzeitig meinen Eltern eine Stütze sein. Mal wieder bedauerte ich keine Geschwister zu haben. Wie schön musste es sein, sich mit Brüdern oder Schwestern beraten und austauschen zu können. Wie viel leichter wäre es gewesen, den Schmerz um den geliebten Vater teilen zu können. Aber alles Bedauern half nichts. Ich musste mich der Aufgabe stellen. Und so besuchte ich mein Elternhaus wieder regelmäßig. Anfangs glaubte ich noch, mein Vater wollte mit seinem Wunsch nach Sterben zum Ausdruck bringen, das er keine Hoffnung mehr auf Heilung hätte. Ich signalisierte ihm mein Verständnis und versprach, ihn mit seinen Befürchtungen ernst zu nehmen. Anders als meine Mutter, weigerte ich mich seinen Zustand weiter zu bagatellisieren. Das nahm er dankbar zur Kenntnis. Wie schrecklich musste es sein, angesichts des Todes, nur von Menschen umgeben zu sein, die kein Verständnis oder Einfühlungsvermögen aufbrachten. Meine Mutter meinte es sicher gut. Aber sie war mit ihren fast siebzig Jahren emotional einfach nicht in der Lage, sich mit meinem Vater über seinen beängstigenden Gesundheitszustand auseinander zu setzen. Zu schmerzlich war wohl der drohende Abschied von ihrem jahrzehntelangen Weggefährten. Also war ich in der Verantwortung, den Kopf nicht in den Sand zu stecken und meinem Vater auf dem letzten Stück seines Weges tapfer beizustehen.
Eines Tages deutete er auf eine aufgeschlagene Fernsehzeitschrift. Die Sendung am Abend, auf die er seinen Finger legte, beschäftigte sich mit dem Thema Sterbehilfe. Erschrocken sah ich meinen Vater an. Das konnte er doch wohl nicht von mir verlangen.
„Papa, das ist in Deutschland verboten! Und das aus gutem Grund. Ich kann dir nicht einfach irgendwoher Gift besorgen.“ Entrüstet wehrte ich das Ansinnen ab. Mir war zwar klar, dass der Ausgang seiner Krankheit im letzten Stadium die Hölle sein konnte. Aber dass er in Kauf nahm, dass man mich für seine Tötung vor Gericht stellen würde, irritierte mich doch sehr. Er legte die Hände auf seinen Brustkorb und sog mühevoll die Luft in die Lungen. Es war klar, dass er damit darauf hinweisen wollte, dass er elendig ersticken würde, wenn die Muskellähmung die Lungen erreicht hätte. Mir liefen vor Angst und Mitgefühl die Tränen die Wangen hinab. Ich versprach ihm, mir die Sendung abends wenigstens anzusehen.
Es war ein sehr differenzierter Bericht über das Für und Wider der Sterbehilfeangebote in der Schweiz. Die Gegner unterstellten den Betreibern Geldmacherei. Es wurden Aussagen von anonymisierten Angehörigen gezeigt, die angaben, wegen Überfüllung des Appartementhauses in einem Wohnmobil auf dem zugehörigen Parkplatz untergebracht worden zu sein. ´Du meine Güte`, dachte ich. Seinen eigenen Vater in einer Campingplatzatmosphäre sterben zu lassen, fänden sicher die meisten Menschen geschmacklos. Auf der anderen Seite wurde geschildert, dass die Patienten von mindestens zwei Ärzten ihrer Heimat eine Bestätigung darüber beibringen mussten, dass ihre Erkrankung definitiv unheilbar und im Endstadium war. Vor Ort würden nochmals Untersuchungen von einem unabhängigen Arzt durchgeführt. Darüber hinaus würde, bevor es endgültig so weit wäre, wiederholt gefragt, ob es jetzt dem Wunsch des Patienten entspräche, nun zu sterben. Erst dann würde ein Medikamentengemisch verabreicht, das schließlich zum Tode führte. Auf Wunsch könnten die Angehörigen die ganze Zeit dabei sein, den Prozess begleiten und sich in Ruhe verabschieden. Das beruhigte mich ein bisschen. Ich nahm mir vor, am nächsten Tag mit meinen Eltern darüber zu sprechen. Wie sich allerdings herausstellte, hatte meine Mutter sich geweigert eine Fernsehsendung über „Sterbetourismus“, wie sie es nannte, zu sehen. Mein Vater sah mich fragend an.
„Ich kann mich ja wenigstes Mal erkundigen, wie das so laufen könnte“, stellte ich ihm in Aussicht. Dankbar lächelte er- endlich wieder einmal.
Wie sich heraus stellte, musste mein Vater erst einmal Mitglied in dem Verein werden. Diese Mitgliedschaft kostete auch einen gewissen Beitrag im Jahr. Das Geld würde für Aufklärungskampagnen und für die Unterhaltung der Immobilie verwendet. Aber auch die Unterbringung von finanzschwächeren Angehöriger würde damit bezuschusst. Die Untersuchung, Betreuung und letztendlich die Vergabe der Medikamente war natürlich auch nicht kostenfrei. Das Einholen der Informationen und auch die Beschäftigung mit der möglichen Organisation des Transports belasteten mich nur wenig. Das ganze Unterfangen erschien mir auch noch nicht real. Es fühlte sich eher an wie einen zu Urlaub buchen. Als ich jedoch die sachlichen Dinge erledigt hatte, krochen ganz allmählich Zweifel und Skrupel in mein Herz.

Die nächsten drei Wochen waren die schlimmsten meines Lebens. Als mein Vater zusehends schwächer wurde, suchten wir seinen Hausarzt auf und besprachen mit ihm die Pläne meines Vaters, Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Er überwies uns zu einem ortsansässigen Neurologen, da mein Vater sich weigerte noch einmal in die Klinik zu gehen. Die Ärzte hatten ethisch recht unterschiedliche Haltungen zum Thema Sterbehilfe. Beide klärten uns aber neutral und sachlich über den zu erwartenden weiteren Verlauf der ALS- Erkrankung bis zum Tode auf. Keiner von beiden versuchte meinen Vater oder mich zu beeinflussen oder unter Druck zu setzen. Ich bin noch heute dankbar für die fachliche Unterstützung.
Anders war es im familiären Umfeld und Bekanntenkreis. Meine Eltern sprachen mit ihren eigenen Freunden und Bekannten, so viel ich weiß, überhaupt nicht über dieses Thema. Schwäche oder Schmerz zu zeigen war in ihrer Generation verpönt. „Man muss immer tapfer sein!“, war Mutters Devise. Vor Besuchern wurde der Zustand meines Vaters totgeschwiegen oder bagatellisiert. Oft hörte ich zum Abschied joviale Floskeln, wie: `Es wird schon wieder, Walter. Halt die Ohren steif `. Für mich waren die vertanen Chancen, sich in Würde und Respekt voneinander zu verabschieden, sehr traurig. Wie es meinem Vater damit ging, und ob er sich etwas anderes gewünscht hätte, werde ich nie erfahren. Mit meiner Mutter kann ich bis heute nicht über ihre Gefühle sprechen.
„Quäl mich doch damit nicht, Kind. Das ist doch jetzt Vergangenheit.“
Nun, ich konnte und wollte meine Gefühle nicht verbergen. Es wäre auch gar nicht möglich gewesen. Auf Grund meiner großen Gewissensnöte schlief ich kaum noch; und wenn, dann hatte ich Alpträume. Die Träume handelten meistens von dem gleichen Horrorszenario, das mich auch tagsüber immer wieder umtrieb. Meine beste Freundin Anne fragte mitfühlend:
„Was quält dich denn eigentlich so, Barbara. Ich denke, du hast dich doch eigentlich schon längst entschieden?!“
Dadurch kamen endlich die ganzen schmerzhaften Zweifel an die Oberfläche:
„Was, wenn es doch Heilung gäbe? Wenn kurz nach der Tötung auf Verlangen ein Mittel gefunden würde, das meinem Vater noch zehn oder gar zwanzig schöne Jahre hätte ermöglichen können. Das würde ich mir doch niemals verzeihen …“, schluchzte ich. `Und meine Mutter schon mal gar nicht`, dachte ich insgeheim. Nicht auszudenken, wenn ich mich dann vor ihr dafür verantworten müsste. Das Verhältnis zu meiner Mutter stand ja auch jetzt schon auf der Kippe. Wir wollten beide das Richtige tun. Wir wollten beide einem geliebten Menschen helfen. Aber eben auf unterschiedliche Art und Weise. Die Kluft, die es mittlerweile zwischen ihr und mir gab, war kaum noch zu überbrücken. Anne verzog zweifelnd ihr Gesicht: „Trotzdem, wie groß ist denn die Wahrscheinlichkeit eines Heilmittels in naher Zukunft? Sicher, die Spezialisten in der Uniklinik stellen mittelfristig Forschungsergebnisse in Aussicht. Prominente Persönlichkeiten haben sich im Internet schon mal Kübel voller Eiswürfel über den Kopf geschüttet, um auf die tückische Krankheit aufmerksam zu machen und Spenden zu sammeln, aber …“
„Ja, ja“, fiel ich ihr ins Wort. „Ich weiß es doch. Für meinen Vater kommt das alles zu spät. Ach Anne, was soll ich nur tun?“
Aber meine Freundin konnte mir die schwerste Entscheidung meines Lebens auch nicht abnehmen. Früher wäre ich Rat suchend zu meinem Vater gegangen. Verzweifelt machte ich nun alles mit mir alleine aus.
Meine Freunde und Kollegen machten sich bald Sorgen wegen meines Gewichtsverlustes oder sprachen mich auf meine dunklen Augenringe an. Als ich unsere Pläne, meinen Vater zum Sterben in die Schweiz zu bringen, offenbarte, ergoss sich ein Sturm der Entrüstung über mich. Aber auch über meinen Vater. Manche meiner engen Freunde waren der Ansicht, so etwas Grauenvolles dürften Eltern von ihren Kindern nicht verlangen. Das sei nicht nur moralisch verwerflich sondern auch eine Zumutung für meine psychische Gesundheit. Er dürfe mir nicht die Mitverantwortung für seinen Tod aufbürden. Alle hatten plötzlich eine feste Meinung zu einem Thema, über das wir vorher nie gesprochen hatten. In meinem Kopf drehte sich alles. Durfte mein Vater das tatsächlich von mir erbitten, oder war das egoistisch von ihm? Sollte man das Leben und Sterben allein in Gottes Hand lassen, wie eine Kollegin zu bedenken gab? Ich wusste nicht ein noch aus.
Erst als meine Freundin mich fragte: „Wann genau wollt ihr denn fahren?“, wurde mir die ganze Tragweite der Entscheidung bewusst. Ja, wann? Wie entscheidet man, wann man seine Eltern ins Auto packt und in die Schweiz fährt, als machte man einen Familienausflug? Nur, dass diese Reise damit endete, dass der Vater auf Wunsch getötet würde. Auf einmal kam mir die ganze Situation absurd vor. Das war doch wirklich zu viel verlangt. Gab es denn keine andere, humanere Möglichkeit? Ich versuchte ein letztes Mal mit meiner Mutter darüber zu sprechen. Wir beide waren doch schließlich diejenigen, die meinem Vater am nächsten standen und diese Entscheidung gemeinschaftlich treffen sollten. Meine Mutter machte mir jedoch unmissverständlich klar, dass sie nicht mitfahren würde.
„Als der Papa den Lumpi hat einschläfern lassen, bin ich auch nicht mit. Ich kann so was nicht.“
Der Vergleich klang in meinen Ohren makaber. Wer aber jemals vor der Entscheidung stand, wann er sein, über alles geliebtes, Haustier zum Erlösen zum Tierarzt bringen sollte, kann den Schmerz in etwa nachvollziehen.

In diesem Zwiespalt der Gefühle sah ich meinen Vater weiter zugrunde gehen. An dem Tag, als ich vom Flur aus sah, dass meine Mutter ihm die Hose nach dem Toilettengang hochziehen musste, fasste ich meinen Entschluss. Niemand hatte es verdient so qualvoll zu enden. Das wollte ich meinem geliebten, großen, starken Papa nicht antun. Er hatte mich in meinem Leben immer unterstützt- egal, ob es um Scheidung oder Finanzierung einer Wohnung ging. Wenn das jetzt sein letzter Wille und einziger Wunsch an seine Tochter wäre, dann musste und wollte ich ihm den erfüllen.
Schweren Herzens nahm ich Kontakt zu der Klinik in der Schweiz auf. Ich vereinbarte dort einen Termin für meinen Vater und buchte eine Ferienwohnung für meine Mutter und mich. So ganz hatte ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sie uns begleiten würde. Die nächsten Tage verlebte ich wie im Nebel. Ich besorgte aktuelle Atteste von den beiden Ärzten, beantragte Urlaub und packte Sachen zusammen. Wahrscheinlich traf ich noch eine Menge mehr Vorbereitungen. Ich kann mich aber beim besten Willen kaum noch an diese traumatische Zeit erinnern. Einen Satz, den mir der alte Nachbar unserer Eltern an der Haustür hinterher schrie, den werde ich allerdings mein Lebtag nicht vergessen: „Dafür kommst du in die Hölle!“
Das wird mir allerdings hoffentlich erspart bleiben. Mein Vater hat mich nämlich letztendlich doch noch von dieser unmenschlichen Aufgabe erlöst. Drei Tage später rief meine Mutter gegen zehn Uhr an. Die Ärztin meinte ich solle schnell kommen. Mein Vater würde, aller Vorrausicht nach, den Tag nicht überleben.
„Er ist auf der Toilette einfach zusammen gebrochen“, schluchzte meine Mutter. Sie hatte den Notarzt rufen müssen. Obwohl mein Vater zu dem Zeitpunkt, auf Grund des Muskelschwunds, nur noch 47 Kilogramm wog, war sie nicht in der Lage ihn ins Bett zu hieven. Jetzt lag er ohne Bewusstsein da und sog mit viel Kraftaufwand Luft in seine Lungen. Seine Hände und Füße waren unnatürlich geschwollen. Er würde nicht wieder wach werden, sagte die Ärztin. „Wir sorgen dafür, dass er nicht leiden muss, bis der Atem still steht“, versicherte sie mir. „ Machen Sie sich keine Gedanken darum.“
Sie kam an dem Tag noch dreimal wieder. Das war sehr tröstlich für uns. Ich blieb bei meinem Vater, hielt seine Hand und massierte ihm die Füße. Auch versprach ich ihm, mich um meine Mutter zu kümmern, wenn er nicht mehr bei uns war.
„Du darfst ruhig gehen, Papa.“
Kurz nach 18 Uhr nahm er noch einen quälenden Atemzug. Dann war es still.
Eine zusätzliche Belastung war für meine Mutter und mich die abschließende Untersuchung, die ausschließen sollte, dass mein Vater auf Grund von Fremdverschuldung verstorben war. Wir waren entsetzt, dass wir in unserer Trauer mit so einem unglaublichen Verdacht konfrontiert wurden. Allerdings versicherte uns die Ärztin, dass dies absolute Routine und Vorschrift sei. Zu viele Angehörige wollten ihren Liebsten das Leiden selber verkürzen. Auf diese furchtbare Idee war ich während der ganzen Zeit gar nicht gekommen. Mein Vater zum Glück auch nicht; jedenfalls hat er es nicht geäußert. Wie groß muss das Leid und die Verzweiflung bei manchen Menschen sein, wenn sie zu dieser Tat schreiten und sich auch noch dabei strafbar machen …
Heute bin ich meinem Vater sehr dankbar, dass er mir die Entscheidung zur Fahrt in die Sterbeklinik erspart hat. Hätte ich es letztlich getan? Nach einem Jahr Abstand und vielen therapeutischen Gesprächen zur Aufarbeitung des Erlebten, kann ich sagen: Ja! Es war der letzte Wunsch meines Vaters an mich, sein einziges Kind. Ein Mann, dem es immer wichtig war selbstbestimmt zu leben und, eben auch, selbstbestimmt zu sterben. Und ich weiß: wenn ich jemals in so eine Situation käme, würde ich mir wünschen auch jemanden zu haben, der das für mich täte. Ob die ALS- Krankheit vererbbar ist, ist noch unklar. Die familiäre Häufung liegt bei 5- 10 Prozent. Allerdings weiß ich nun ganz genau in welche ungeheuren Gewissenskonflikte jemand kommen kann, dem solch eine Bitte angetragen wird. Ich kann nur appellieren, weder mit psychologischem Druck dafür noch mit der moralischen Keule dagegen zu argumentieren. Dies ist eine Entscheidung, die jeder Mensch ganz alleine mit seinem Gewissen ausmachen muss.

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CHANCENLOS: Meine Rivalin war die Musik!


Vicky B.; (37):
Der Konzertbesuch sollte ein unvergessliches Geschenk für meinen Freund werden. Doch dann verschwand Carsten spurlos hinter der Bühne. Die Aussprache, als ich ihn wieder aufgespürt hatte, öffnete mir endlich die Augen …
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Während der Zeit unseres Kennenlernens fand ich Carstens Leidenschaft für die Bluegrass- Musik noch richtig rührend.
„Wenn die Abendsonne auf die Weiden von Kentucky scheint, schimmert das Gras blau!“
Begeistert erklärte er mir stundenlang Ursprung, Instrumente und Liedtexte. Es war auch durchaus romantisch, wenn er mir am Lagerfeuer Titel wie `Je länger das Warten, umso süßer der Kuss` vorsang. Das hatte durchaus mein Herz berührt. Allerdings konnte ich nicht ahnen, dass seine Passion innerhalb von knapp zehn Jahren ein Fluch für unsere Beziehung werden würde.
Als Erzieherin hatte ich einen anstrengenden Beruf. An manchen Wochenenden war ich auch froh, wenn ich mich einfach mal ausruhen oder mit meinen Freundinnen treffen konnte. Carsten war in den letzten Jahren allerdings in jeder freien Minute, die ihm sein Schichtdienst als Polizist ließ, unterwegs zu Bluegrass- Festivals. Ich gönnte ihm den geliebten Ausgleich zum Beruf von Herzen. Auch verstand ich, dass er innerhalb Deutschlands weit reisen musste, um Gleichgesinnte für diese ungewöhnliche Musikrichtung zu finden. Seine Ausflüge wurden allerdings immer länger und gingen mittlerweile bis Frankreich, Belgien und Holland. Gemeinsame Freizeit gab es so gut wie gar nicht mehr. Ich war nun aber in einem Alter, in dem sich bei mir der Wunsch nach eigenen Kindern immer deutlicher meldete.
„Noch das Festival im Pfälzer Wald“, bat er, „dann können wir ja mal sehen.“
Doch danach kam ein weiteres Musikertreffen in Polen und ein Mundharmonika- Workshop in Finnland. Schließlich einigten wir uns auf seinen 40. Geburtstag. Danach würden wir unsere Hochzeit und unsere Familiengründung planen.
Ich war so froh und dankbar, dass ich ihm ein besonderes Geburtstagsgeschenk machen wollte.
„Köln?“, fragte er verwundert. „Wieso denn ausgerechnet Köln?“
Ich musste innerlich schmunzeln als ich Carstens ratlosen Blick sah. Er hielt an seinem runden Geburtstag zwei Flugtickets und Übernachtungsgutscheine in der Hand.
„Lass dich überraschen, mein Schatz- du wirst Augen machen!“
Ich freute mich so sehr, dass es mir gelungen war, zwei Konzertkarten für Carstens absolutes Musikeridol, Nelly Wilson, in Köln zu ergattern. Das würde ein Höhepunkt in seinem Musikerleben werden. Wie ein Kind freute ich mich auf den Moment. Wenn ich geahnt hätte, was mir selbst für eine schreckliche Überraschung bevor stand …

Carsten war ziemlich still, als wir die Koffer in unserem Kölner Altstadthotel auspackten.
„Und jetzt? Was möchtest du in Köln besichtigen?“, fragte er lustlos.
Ich hielt ihm die Augen zu und führte ihn zu den Konzertkarten, die ich auf der Tagesdecke drapiert hatte.
„Nelly Wilson! Nelly Wilson? Mein Gott Vicky, das hast du für mich gemacht? Danke, du bist die Beste!“ Er enttäuschte mich nicht mit seinem Freudenausbruch. Die Überraschung war gelungen.
„Weißt du, Nelly ist die beste Stimme der ganzen Bluegrass- Szene. Sie spielt die Mandoline wie keine andere und …“, sprudelte es aus ihm selten lebhaft heraus. Fast verspürte ich etwas Eifersucht, als er auch noch davon schwärmte wie sexy Nelson Wilson in ihrer knappen Fransenweste aussähe. Aber ich lachte und mein Herz floss über vor zärtlicher Liebe angesichts seiner kindlichen Freude. So viel hatte er seit Jahren nicht mit mir gesprochen.

Carsten war weiter wie ausgewechselt, als wir zusammen mit anderen Fans in die Konzerthalle strömten. Er fachsimpelte mit völlig Fremden, tauschte Telefonnummern an der Theke im Foyer aus und summte selig vor sich hin. Ich kam mir unsichtbar und überflüssig vor, wie meistens, wenn es um seine Musik ging. Neid bohrte sich wieder in mein Herz. Ich wünschte mir so sehnlich, er hätte auch mit mir so eine gemeinsame Leidenschaft. Aber egal, diesen Abend wollte ich in vollen Zügen mit ihm genießen.
Während des Konzerts war ich bei meinem Freund natürlich komplett abgemeldet. Er schien hingerissen von der Show. In der Pause vor dem letzten Set geschah es. Als die Musiker ihre Instrumente für den Titel stimmten, zog Carsten plötzlich seine Mundharmonika aus der Tasche und begann Nellys Wilsons erfolgreichsten Titel zu spielen. Nelly stutze, trat an den Bühnenrand und rief einem Security- Mitarbeiter etwas zu. Ich wäre am liebsten im Boden versunken. Bestimmt warf man uns jetzt raus. Aber im Gegenteil: Carsten wurde an die Seite der Bühne geführt und sprang munter die Stufen hoch. Nelly forderte das Publikum auf zu applaudieren und stimmte ihren Superhit an. Carsten sah kurz unsicher zu ihr hinüber und begleitete sie dann aber selbstsicher auf seiner Mundharmonika. Unfassbar! Von diesem Augenblick würde er sicher noch jahrelang zehren und mir ewig dankbar sein. Daran glaubte ich in diesem Moment jedenfalls ganz fest.

Carsten durfte tatsächlich bis zum Schluss auf der Bühne bleiben. Nach der letzten Zugabe bedankte sich Nelly Wilson bei ihrem Publikum. Ich verstand nur die Worte `german guy` und `backstage`. Um meinem `deutschen Jungen` zu signalisieren, dass ich natürlich nichts dagegen hätte, wenn er noch kurz mit hinter die Bühne ginge, versuchte ich Blickkontakt zu ihm zu bekommen. Aber Carsten guckte mich gar nicht an. Er winkte fröhlich ins Publikum und verschwand hinter dem Vorhang.
Also blieb mir nichts anderes übrig als zu warten. Das Auditorium leerte sich allmählich. Einige Fans grinsten mich an oder klopften mir auf die Schulter. Schließlich ging ich ins Foyer und holte schon mal unsere Jacken von der Garderobe. Als schließlich alle Leute verschwunden waren, kam der Hausmeister und begann die Plastikbecher zusammen zu fegen. Er führte mich schließlich hinter die Bühne, um Carsten mit mir zu suchen.
„Wo ist der Typ mit der Mundharmonika?“, fragte er den Mitarbeiter vom Sicherheitsdienst, der Carsten auf die Bühne geleitet hatte.
„Der ist weg!“, antwortete dieser lapidar.
„Wie, weg?“, fragte ich verständnislos. Daraufhin deutete er nur auf den Tourbus mit dem übergroßen Konterfei von Nelly Wilson auf der Seite, der sich gerade in Bewegung setzte. Und im selben Augenblick sah ich ihn auch. Carsten! Nur schemenhaft hinter der Heckscheibe, aber doch deutlich zu erkennen mit Nellys Möchtegern- Cowboyhut. Der Bus bog um die Ecke der Konzerthalle und mein Freund war weg …

Die erste Nacht im Hotel blieb ich noch relativ ruhig. Allerdings schreckte ich immer wieder aus einem leichten Schlaf, in der Annahme, ich hätte ihn gehört. Einmal versuchte ich ihn auf dem Handy zu erreichen, doch der Apparat klingelte auf seinem Nachttisch. Gegen drei Uhr wich meine Sorge langsam einer heftigen Wut wegen seiner Rücksichtslosigkeit. Dann redete ich mir aber wieder gut zu. Sollte er doch seinen Spaß haben und mit den Musikern durch die Kneipen ziehen. Irgendwann im Morgengrauen musste er ja wieder auftauchen.
Doch das tat er nicht. Gegen acht Uhr ging ich in den Frühstücksraum. Vielleicht saß er ja schon längst beim Kaffee und wollte mich nur nicht wecken. Aber nein. Die Tränen der Enttäuschung schnürten mir die Kehle zu. Was sollte ich denn bloß tun, wenn er nicht wiederkam?
Gegen Mittag fragte ich an der Rezeption, ob jemand eine Nachricht für mich hinterlassen habe. Aber auch das war nicht der Fall. Auf Grund der Müdigkeit und des Wechselbads der Gefühle brach ich dort in Tränen aus, als ich dem Herrn am Empfang die Situation schilderte.
„Können wir die Polizei einschalten?“, schniefte ich verzweifelt.
„Das wird wohl noch zu früh sein. Außerdem handelt es sich ja um einen erwachsenen Mann. Warten Sie mal ab. Bald taucht er hier reumütig wieder auf“, versuchte mich der Hotelmitarbeiter aufzumuntern.
Ich wagte nicht mich weit vom Hotel zu entfernen, falls Carsten versuchen würde, mich zu erreichen. Also hielt ich mich abwechseln auf meinem Zimmer, im Foyer und schließlich in der Hotelbar auf. Dort trank ich zur Beruhigung mehr als ich eigentlich vertragen konnte. Irgendwann stellte sich mein benebelter Kopf die Frage, was ich eigentliche hier machte. Auf was für einen Mann wartete ich hier, der mich einfach stehen ließ und ohne ein Wort verschwand? Und warum tat er das- war ich ihm so wenig wert?
Fragen über Fragen taten sich in den nächsten Stunden auf, denen ich mich vorher nie hatte stellen wollen. Zuletzt zweifelte ich daran, ob unsere Beziehung überhaupt noch einen Zukunft hätte. Ich war bald Ende 30 und wünschte mir endlich eine Perspektive. Kinder, eine Familie mit einem Mann, dem ich vertrauen und auf den ich mich verlassen konnte. War das mit Carsten überhaupt möglich?

Als Carsten am nächsten Morgen immer noch spurlos verschwunden blieb, führte der Empfangschef mich zum Hotelmanager. Er bot mir an nun die Polizei einzuschalten.
„Ich hätte da aber auch noch eine andere Idee“, meinte er. „Wenn Sie möchten, erkundige ich mich beim Konzertveranstalter, wo die Band den nächsten Auftritt hat. Dann besorgen wir ihnen einen Leihwagen und Sie könnten hinterher reisen.“
Im ersten Moment wollte ich das Angebot empört zurückweisen. Ich lief doch keinem Mann nach, der mich so behandelte! Doch dann entschied ich mich anders: ich wollte eine Erklärung. Carsten sollte mir ins Gesicht sagen, was er sich dabei gedacht hatte. Und vor allem, warum ich ihm noch nicht einmal eine Nachricht wert war?
Der nächste Gig der Nelly- Wilson- Band war vom Hotelmanager schnell herausgefunden und mit dem Leihwagen auch gut zu erreichen. Mit gemischten Gefühlen machte ich mich auf nach Münster.
Ich kam gerade noch rechtzeitig, bevor die Türen des Kulturzentrums schlossen. Gespannt wartete ich im hinteren Teil, ob Carsten auch hier auftreten durfte. Tatsächlich spielte er wieder das letzte Set mit. Meine Gefühle fuhren Achterbahn bei seinem Anblick. Wir waren fast zehn Jahre ein Paar. Ich konnte mir ein Leben ohne ihn gar nicht mehr richtig vorstellen. Aber fühlte er das gleiche für mich? Warum behandelte er mich so desinteressiert? Liebte er die Musik tatsächlich mehr als mich? Was hätte ich jemals für Chancen gegen so eine Rivalin?
Carsten legte sich richtig ins Zeug. Doch als die Background- Sängerin auf ihren hochhackigen Overknee- Stiefeln auf ihn zustöckelte, gab er noch mal alles. Lasziv warf sie ihre roten Locken in den Nacken, als sie ihn schmachtend an sang. Vielsagend reckte sie ihm ihr in Leder geschnürtes Mieder entgegen. Eine perfekte Show- oder war es mehr? Eine nie gekannte, hässliche Eifersucht nagte in mir.
Als die letzten Töne verklungen waren und die Scheinwerfer ihn nicht mehr blendeten, sah Carsten mich plötzlich. Was er dann tat, hatte wieder mein Herz berührt und meine Gefühle für ihn weiter verwirrt. Er schnappte sich das Mikrofon und rief:
„Vicky! Wie schön, dass du hier bist!“ Dann sang er à cappella mein Lieblingslied, das davon handelte, wie süß die Küsse nach einer langen Trennung sind.

Die nächtliche Aussprache dauerte bis drei Uhr in der Früh. Carsten bat mich mit seinem unwiderstehlichen Charme um Verzeihung.
„Ich habe mich so sehr über dein Geschenk gefreut. Das wolltest du doch, oder? Darüber habe ich eben Zeit und Raum vergessen. Du kennst mich ja!“
„ Aber wie soll das denn zukünftig laufen, wenn wir ein Kind haben?“, gab ich zu bedenken. Meinen Einwand wischte er mit der Vision zur Seite, in der ich ihn mit Kind zu den Festivals begleitete.
„Dort sind genug andere Frauen, um dir die Zeit zu vertreiben, während ich musiziere.“ Er redete so lange auf mich ein, dass ich tatsächlich zum Schluss das Gefühl hatte, ich sei viel zu egoistisch.
„Du hast ja gewusst, dass mir die Musik über alles geht. Nun brauchst du dich auch nicht beschweren, wenn ich nicht jedes Wochenende bei dir sitze und Händchen halte.“
In diesem Tenor ging es weiter, bis er mir schließlich Eifersucht vorwarf- auf Frauen, die musikalischer wären als ich. Aber vor allem auf seine Leidenschaft zur Musik selbst, weil ich nicht im Stande sei mir ein gleichwertiges Hobby anzueignen. Er konnte so überzeugend reden, dass ich ihm irgendwann alles glaubte.
Psychisch und körperlich erschöpft schlief ich schließlich ein.
Am nächsten Morgen gaben wir meinen Leihwagen am Flughafen München- Osnabrück ab und checkten Richtung süddeutscher Heimat ein. Die Sicherheitskontrollen gingen zügig voran. Schon bald saßen wir vor dem Gate unseres Fliegers. Hier sprachen wir kaum noch ein Wort. Carsten guckte sich auf seinem Smartphone Videos von seinem gestrigen Auftritt an. Zweimal auf der großen Showbühne und er hatte schon Starallüren. Wo sollte das bloß hin führen?
Ich war wie benommen und fürchtete unsere Rückkehr in den Alltag. Zweimal versuchte ich den Gesprächsfaden der letzten Nacht noch einmal aufzunehmen, aber Carsten wies mich unwirsch ab. Für ihn gab es nichts mehr zu klären.
Unser Flug wurde aufgerufen und Carsten und ich reihten uns in die Schlange zur Gangway ein.
Plötzlich sprach ihn eine junge Frau an. Sie schienen sich zu kennen. Als ich an seiner Schulter vorbei blickte, sah ich die bekannten roten Locken von gestern Abend. Ich hörte Sprachfetzen, die sich auf das gestrige Konzert und anscheinend auch auf die Nacht davor bezogen. Doch anstatt mich vorzustellen oder wenigstens in das Gespräch einzubeziehen, ging Carsten Seite an Seite mit der hübschen Sängerin weiter. Ihm schien es eher lieb zu sein, dass ich mich nicht als seine Lebensgefährtin zu erkennen gab. In dem engen Tunnel, der an der Bordtür mündete, drängte sich eine lärmende Schülergruppe zwischen die beiden und mich. Ich versuchte mich winkend bei Carsten bemerkbar zu machen und rief ihm hinterher, er möge bitte auf mich warten. Doch er stieg in das Flugzeug ohne sich noch einmal nach mir umzusehen.
Da platze der Knoten in mir. Ich wusste auf einmal schlagartig, dass ich keinen Tag länger mit diesem egoistischen, selbstbezogenen Mann zusammen sein wollte. Gegen den nachdrängenden Strom der Menschen lief ich zurück, drückte der überraschten Hostess mein Flugticket in die Hand und rief:
„Jetzt reicht` s mir!“

Während der langen Zugfahrt zurück nach München hatte ich genug Zeit, mein impulsives Verhalten zu durchdenken. Ich kam immer wieder zu dem gleichen Schluss. Ich hatte keine Chance. Die Musik würde, leider, immer zwischen uns stehen. Einfach, weil sie bei Carsten die Nummer eins war. Ebenso würde er immer sein musikalisches Umfeld meiner Gesellschaft vorziehen. Sicher, ich hätte auch ein Instrument lernen können. Wir sollten vielleicht zusammen musizieren und die Welt bereisen. Was so romantisch klingt, hätte aber bedeutet, dass ich mich komplett verbiegen müsste. All meine Interessen wären Carstens Wünschen dauerhaft unterzuordnen. Denn, im Gegensatz zu seiner Wahrnehmung, war ich durchaus vielseitig interessiert und begeisterungsfähig. Er hatte es nur nie wahrgenommen, da es nichts mit Musik zu tun hatte.
So zog ich die schmerzhaften Konsequenzen. In einer langen Nachricht erklärte ich ihm meine Entscheidung. Ich bat ihn, sich abends für ein klärendes Gespräch Zeit zu nehmen. Wir sollten in Ruhe besprechen, wie wir im Guten auseinander gehen könnten. Als ich zu Hause eintraf, war er nicht da. Am nächsten Tag fand ich nach der Arbeit eine halb leer geräumte Wohnung vor. Ich sah Carsten nie wieder.

Heute, zwei Jahre später, freue ich mich sehr auf meine Hochzeit in drei Wochen. Ich habe einen wundervollen Mann gefunden, der sich mit mir auf eine gemeinsame Zukunft und unser Kind freut, das sich vor kurzem angekündigt hat.
Und das Beste: mein zukünftiger Ehemann ist absolut unmusikalisch!

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Mittwoch, 6. März 2019
Der blaue Turban


Sollte sie richtig satte, irischrote Haare haben, wäre sie fällig. Oder wenigstens so helle rotblonde, erdbeerblond nannte man das wohl. Bei dem Gedanken an langes, seidiges Haar, das sich auf ihren Rücken ergießen könnte, sobald sie den blauen Turban abnahm, spürte er wie sich endlich einmal wieder etwas regte in seinem Schritt.

Es war lange her, dass ihn eines der Mädchen erregt hatte, die er jahrelang in der Grundschule gegenüber unauffällig beobachten konnte. Als Hausmeister war das ein Schlaraffenland für ihn gewesen. Nun hatten die Vollidioten von der Stadtverwaltung das schöne klassizistische Gebäude in eine Wohnanlage verwandelt. Er hatte sie dafür gehasst. Seinen Job hatte verloren. Aber schlimmer noch war die Leere, die durch das Ausbleiben der kleinen Mädchen entstanden war. Sein Lebensglück - die kleinen Dinger, von denen er jeden Vormittag auf dem Pausenhof, in den Klassenzimmern, aber vor allem im Milchkeller umgeben war.
Vor allem die Rothaarigen, die hatten es ihm ganz besonders angetan. Bei denen musste er immer hart schlucken und sich zusammenreißen, um auf den richtigen Moment zu warten. Dieses kühle, weiche Gefühl auf seinem nackten Bauch. Der Griff in den dichten Hinterkopf, auf dem golden das Kellerlicht reflektierte …

Und nun dieser blaue Turban gegenüber. Sein Fernglas zeigte ihm schwimmbadblauen Frottee, eine blasse sommergesprosste Haut. Ein Haaransatz war nie zu erkennen. Er sah nun schon seit 12 Tagen hinüber. Seit sie in die Wohnung gezogen war, stand sie jeden Morgen mit ihrem Turban und einer Tasse in den Händen auf dem Balkon. Vorgestern hatte er sich beim Hausverwalter gemeldet und seine Dienste als Hausmeister erneut angeboten. Er musste irgendwie eine Legimitation für die Tiefgarage bekommen. Die Stellplätze waren sofort alle für enorme Summen vermietet worden. Das kam für ihn mit dem bisschen „Stütze“ nicht in Frage. Also wieder der graue Kittel. Besser ging es nicht. In dem war er für die Bewohner solange unsichtbar, bis sie sich über irgendetwas beschweren wollten. Ansonsten existierte er nicht für die feinen Herrschaften.
Der blaue Turban hatte Stellplatz Nummer 32. Das hatte er schon rausgefunden, als er sich einen halben Tag vor dem Tor herum gedrückt hatte. Flink wie ein Wiesel hatte er sich im Schatten der Einfahrt schnell unter dem zurollenden Tor durchgedrückt. Niemand hatte ihn bemerkt. In aller Ruhe hatte er sich das ganze Untergeschoss ansehen können- das Parkdeck, Fahrradkeller, Waschküchen. Alles war noch im Rohzustand, staubig und nur provisorisch beleuchtet. Im Fahrradkeller hingen bis jetzt nur die rohen Stromleitungen von der Decke. Etwas diffuses Licht schien durch das dreckige Kellerfenster. In der Ecke war noch ein Kabuff abgeteilt, hier stapelten sich benutzte Malervliese. Perfekt, hier würde er es machen.
Nachdem er gehört hatte wie eine Autotür ins Schloss geschnappt war und sich klackernde Schritte hastig in Richtung Treppenhaus entfernten, linste er schnell um die Ecke. Er sah, dass ihr Auto auch badezimmerblau war. Die tickte nicht richtig, die Tante. So viel Kohle, um sich hier eine Wohnung zu leisten und dann so einen grottenschlechten Geschmack.

Er erinnerte sich an die Kleine mit dem Schwammkopftornister. Sie war die zweite, bei der er sich nicht hatte beherrschen können. Sie war die einzige, die sie bis jetzt nicht gefunden hatten. Stimmt, die war ihm auch aufgefallen, weil ihr Ranzen so quietscheblau war. Nicht rosa oder pink, wie bei allen anderen Mädchen. Anscheinend fixte ihn die Farbe blau an. Die roten Haare waren gar nicht die Initialzündung. Super Selbstreflexion- er musste in sich hinein grinsen. Seine Selbsthilfegruppe mit den ganzen kranken, perversen Spackos wäre beeindruckt gewesen.
Aber tatsächlich, wenn er mal alle Mädchen Revue passieren ließ, die ihm Vergnügen bereiten mussten, dann waren da auch brünette, blonde und schwarzhaarige dabei gewesen. Sogar eine kleine Türkenmaus, oder anderer Kanaken Brut. Die Fatimahand an ihrer Halskette, war ihm aufgefallen. In der Mitte der Handfläche ein kobaltblaues Auge. Das dritte Auge, brrr, wie gruselig. Das hatte ihn gereizt. Er hatte das Gefühl, als stiere dieses blaue Auge ihm unablässig nach. Er hatte sich von ihrem dritten Auge eindeutig beobachtet und provoziert gefühlt. Als hätte sie etwas Böses. Nun, letztendlich hatte sie ihm auch tatsächlich heftig in den Schwanz gebissen, mit ihren kleinen scharfen Milchzähnen. Na ja, die biss nie wieder jemanden …
Die Allererste, das wusste er noch genau, hatte ihn mit ihren blau getünchten Augendeckeln betört. Im vierten Schuljahr, das muss man sich mal vorstellen. Was denken die Eltern sich denn auch dabei, ihre Kinder so loszuschicken. Selber Schuld. Diese nuttige Farbe des Lidschattens kannte er. Seine Mutter hatte genau den gleichen aufgelegt als er noch sehr klein war. Immer, wenn sie ihn abends alleine ließ, um in den Bars der Stadt nach potentiellen Stechern Ausschau zu halten, pinselte sie sich die Visage mit dem billigsten, grellsten Make-up zu. Wahrscheinlich auch besser so- die Hübscheste war sie nämlich nie gewesen, das hellste Licht am Christbaum leider auch nicht.
Die beiden Müllsäcke, in denen er die Kleine entsorgt hatte, hatten witzigerweise den gleichen Blauton, wie der Lidschatten. Wie passend, mülltütenblau. Er musste jetzt noch kichern, wenn er an den Moment dachte, als es ihm auffiel.

Für erwachsene Frauen hatte er sich nie erwärmen können. Zu anstrengend, zu riskant, wahrscheinlich auch zu viel Gegenwehr. Aber so kleine zierliche, oft eben rothaarige Frauen, die hatten schon noch etwas Mädchenhaftes, dass ihn anmachte. Und eigentlich ging es ihm ja vor allem um die Haare selbst. Um die Struktur. Lange Haare am liebsten, wenigstens schulterlang. Haare, die sich anfühlten wie das Fell eines Cockerspaniels oder Angorakaninchens. Eine Mähne, die sich auf seinem Unterbauch und Geschlecht ergoss, die weich und zärtlich war.

Er schloss einen Deal mit sich ab: sollte die Frau rothaarig sein- o. k.- er war ja auch nur ein Mann. Dann würde er sein Glück versuchen. Es wäre ja auch zu einfach bei ihr. Seit Tagen recherchierte er ihre immer gleichen Abläufe. Das morgendliche Ritual auf dem Balkon. Das Zurschaustellen ihres blauen Turbans in der aufgehenden Sonne, die Hände um den Kaffeebecher geschlungen.
Moment, er zoomte den Becher näher an sich heran. Blauweiß- Schalke 04, ha, wie lächerlich. Schon dafür alleine hätte sie Strafe verdient. Das würde ihm ja niemand glauben, wenn er es irgendjemandem erzählen würde. Aber das durfte er natürlich nicht.
Einmal hatte er versucht sich jemandem anzuvertrauen. Sie war in der Gruppe „Sucht“ gewesen, ein Raum weiter als seine Veranstaltungen. Dicke, krause Locken, ziemlich struppig. Nicht, wie er es gerne hatte. Sexuell regte sich da gar nichts bei ihm. Sie hätte schon gewollt. Die Signale waren eindeutig. Häufiges, unmotiviertes Berühren seines Arms beim Gespräch war noch das Harmloseste. Aber er wollte reden. Er hätte sich einmal im Leben jemanden gewünscht, der ihm zugehörte. Aber auch sie wollte nur ihren eigenen Senf loswerden, sich ausschließlich um ihr eigenes Universum kreisen. Eine Riesenenttäuschung war sie gewesen. Die letzte, dafür würde er sorgen.
Bis auf diesen Drang, diese unstillbare Unruhe, kam er nämlich sehr gut allein zurecht. Er von niemandem anhängig. Keiner konnte ihm mehr reinreden, wie seine Mutter, die Xanthippe. Das Weib hatte er auch gehasst. Ach, sie waren doch alle gleich. Der blaue Turban hatte sich auch schon mit den armen Handwerkern angelegt. Er hatte es mitgekriegt, als er die Klingelschilder am Haupteingang nach ihrem Namen überprüfte. Fast hätte er sich eingemischt, ihr seine Hilfe für die Kellerbeleuchtung angeboten. Aber im letzten Augenblick besann er sich und blieb in seiner Deckung. Niemand durfte ihn später mit ihr in Verbindung bringen. Das wäre fatal. Aber zickig war die kleine Hexe, als wäre sie der Mittelpunkt der Welt. Sie würde sich bestimmt wehren, kratzen, beißen. Hauptsache nicht schreien. Aber das zu verhindern, darin hatte er ja schon Erfahrung. Sofort was ins Maul schieben. Ganz weit, bis zum Rachen. Dann hatten sie erstmal genug damit zu tun zu atmen. Er freute sich schon auf das Geräusch. Das machte ihn fast genauso an, wie der Gedanke an die Haare. Das Röcheln und den damit verbundenen vermehrten Speichelfluss waren ziemlich geil.
Aber die Haare, immer wieder die Haare! Vielleicht waren sie ja so lang, dass er sie richtig um seinen Schwanz wickeln konnte. Oder um ihren eigenen Hals. Ja, das wäre krass. So lang waren die bei den kleinen Mädchen nie gewesen. Aber unter dem blauen Turban könnten sich schon eine Menge Haare verbergen. Warum sollte sie ihn sich sonst jeden Morgen umbinden, bevor sie auf den Balkon ging? Sie würde sich morgens unter der Dusche die Haare waschen und den Körper einseifen. Besonders an den Brüsten würde sie verweilen und natürlich bei ihrer Muschi. Seifen, seifen, seifen … bis alles schön glitschig war.

Schluss jetzt! Er musste aufhören zu träumen und in die Planungsphase gehen. Also übermorgen wäre ja das
Vorstellungsgespräch in der Wohnanlage. Unten im Büro, seiner ehemaligen Hausmeisterstube, sollte er klingeln. Entweder würde ihm jemand die Haustür öffnen, dann müsste er das demütigende Gespräch über sich ergehen lassen. Oder die Türöffneranlage funktionierte endlich. Dann könnte er einfach rein gehen und sich im Fahrradkeller verstecken, bis sie in die Tiefgarage gefahren kam. Und dann gab es unzählige Möglichkeiten. Er konnte sich kaum entscheiden wo und wie er es machen würde. Fast tat es ihm Leid, das er sie nur einmal benutzen konnte. Es war ja noch ein bisschen Zeit bis dahin, aber Vorfreude war ja bekanntlich die schönste Freude.
Heute würde er sie nicht mehr sehen, das wusste er. Ihren Zeitplan kannte er ja nun genau. Zwar hatte er seine Beobachtungszeiten auf ihren Aufenthalt in der Wohnung abgestimmt, aber wenn sie heute heim kam, war er beim Doc zur Spritze. Danach waren die Rollos runter. Pech gehabt.
Aber morgen. Morgen früh würde er sich schon ganz früh den Wecker stellen, sein Fernglas in Position bringen und jede Bewegung des blauen Turbans auf dem Balkon auskosten. Mit diesem erregenden Gedanken schlüpfte er unter seine warme Decke.

Guten Morgen! Was für ein wunderbarer Tag. Die Sonne lugte schon halb an der gegenüberliegenden Hauswand vorbei auf ihren Balkon. Noch war die Balkontür zu. Er hatte wundervoll geschlafen. Nachdem er sich noch richtig schön entspannt hatte, war er in einen aufregenden, heißen Traum hinüber geglitten. Er sah Münder, die sich zum stummen Schrei öffneten, nasse Augen, die sich röteten, blaue Flecken an Kehlen, aber vor allem Haare. Haare, die sich aus dem blauen Turban befreiten und in wallenden Kaskaden herab flossen. Haare, die sich schmeichelnd über sein Gesicht legten. Duftend, kühl und weich lagen sie wie Matten aus Seide unter ihm, während es ihn überkam.
Heute war es endlich so weit. Heute war der Tag, an dem sich sein Traum erfüllen würde. Sie hatte ihn lange genug gereizt, gefoppt, ja eigentlich betrogen um den fantastischen Anblick, den der blaue Turban verhinderte. Der Plan stand fest. Es konnte nichts mehr schief gehen. Er beglückwünschte sich für seine Entscheidung und seinen Mut. Ja, er war ein richtiger Mann. Entschlossen und entscheidungsstark setze er seine Pläne in die Tat um. Er war nämlich doch etwas Wert!
Da, nun ging es los. Die Vorhänge hinter der Balkontür bewegten sich. Sie öffnete die Tür und trat ans Geländer. Das grelle Blau des Turbans schien ihn zu verhöhnen.
Irgendetwas aber war anders als sonst! Ihr Bademantel, den sie sonst jeden Morgen trug, fehlte. Ja, tatsächlich, sie war schon angezogen. Sie hatte ein angeberisches Businesskostüm mit Blazer und Bleistiftrock an, diese arrogante Schlampe. Sie war auch schon geschminkt. Er erkannte mit dem Fernglas einen fiesen grellen Lippenstift. Na egal, den würde er ihr schon runterwischen. Sie schien es sehr eilig zu haben. Sie hatte keinen Kaffeebecher dabei. Nein, jetzt sah er, dass sie sogar ihre Aktentasche schon unter dem Arm hatte und aus ihr ein Handy zog. Mmh, Hauptsache, sie brachte den Zeitplan für ihr gemeinsames Tete à Tete heute Nachmittag nicht durcheinander, mit ihrem frühen Aufbruch. Denn heute war sie fällig, da gab es kein Zurück mehr. Heute würde er sie in der Tiefgarage abpassen, in das Kabuff des Fahrradkellers ziehen und sich über sie hermachen. Zuerst würde er sie an den Haaren packen, oh diese herrlichen, göttlichen Haare, der Schmuck der Frauen …

Moment, was war das? Sie legte kurz das Handy auf den Plastiktisch. Anscheinend gelang es ihr nicht, den Apparat zwischen Turban und Ohr zu schieben. Die beugte den Kopf vor, umfasste mit beiden Händen das blaue Frotteetuch, um es zu lösen. Sein Herz schlug wild und hart gegen Brust und Hals. Bei der Vorstellung, wie sie gleich ihr Haar befreite und endlich zu erkennen gab, was sich genau unter dem blauen Turban verbarg, spürte er auch ein pulsierendes Klopfen in seinem Gemächt. Gemächt, was für ein mächtiges Wort.
Jetzt. Jetzt war es gleich soweit. Was hoffte er? Rot, blond, Locken, glattes Haar? Ach, wenn er ehrlich war, war es ihm schon lange ganz egal. Die Farbe des fließenden Haarmantels würde er in dem finsteren Keller sowieso nicht erkennen können. Er wollte nur das geschmeidige Gefühl auf seiner nackten Haut.
Er tauschte das Fernrohr gegen seinen Fotoapparat aus, mit dem er auch diese Trophäe vor der Tat festhalten wollte. Vor Erregung und Ungeduld zitternd, verlor er ihr Bild einen Moment aus dem Zentrum der Linse.
Ruhig jetzt. Ganz ruhig und besonnen. Keinen Fehler machen. Er war nach so langer Zeit mal wieder am Ziel seiner Wünsche. Er hielt die Luft. Und genau in dem Augenblick, als er sie wieder voll zentriert betrachten konnte, schob sie mit Schwung den blauen Turban von ihrem Kopf.
Sie war kahl.

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